Wer heute durch die Regenwälder von São Tomé wandert, stößt unweigerlich auf sie: gewaltige, verwitterte Villen aus roten Ziegeln, rostige Trockenschuppen, verfallene Krankenhäuser und endlose Reihen kleiner Arbeiterbaracken, überwuchert von Ranken und Würgefeigen. Dies sind die Roças – einst die größten und modernsten Kakaoplantagen der Welt, "Staaten im Staate", Symbole kolonialen Reichtums. Heute sind viele von ihnen Geisterstädte aus einer längst vergangenen Zeit.
Der Aufstieg: Die Schokoladeninseln
Als 1822 die ersten Kakaopflanzen aus Brasilien auf São Tomé eintrafen, zunächst nur als Zierpflanzen, ahnte niemand, welche ungeheure Entwicklung sie auslösen würden. Das heiße, feuchte Klima erwies sich als ideal. Ab den 1850er Jahren erlebte der Anbau einen regelrechten Boom. 1913 war São Tomé und Príncipe mit 36.500 bis 55.000 Tonnen pro Jahr der weltweit größte Kakaoproduzent – mehr als ein Drittel des gesamten Weltmarktes stammte von diesen beiden kleinen Inseln. Die Roças (Kakaoplantagen) bedeckten über 90 % der Ackerfläche.
Große Plantagen wie Água Izé, Rio do Ouro (heute Agostinho Neto), Sundy oder Monte Café waren keine einfachen Bauernhöfe. Sie waren autarke Miniaturstädte: mit eigenen Krankenhäusern (das in Água Izé galt als eines der modernsten Afrikas), Eisenbahnnetzen, Schulen für die Kinder der Betriebsleiter, Trocknungsanlagen, Lagerhäusern und mitunter sogar einer eigenen Währung. Der zentrale Platz, der Terreiro, war das Herzstück des Betriebs – hier wurden die Bohnen in der Sonne getrocknet, die Löhne ausgezahlt und Feste gefeiert.
Der Preis: Zwangsarbeit und Menschenhandel
Dieser Reichtum hatte seinen Preis. Die einheimischen Forró lehnten die Plantagenarbeit ab – sie wussten, dass sie mit Sklaverei verbunden war. Daher importierte Portugal Zehntausende von Vertragsarbeitern (Serviçais) aus Angola, Mosambik und Kap Verde. In Wirklichkeit war dieses System kaum von Sklaverei zu unterscheiden: Verträge wurden Analphabeten in einer Fremdsprache vorgelesen, eine Rückkehr in die Heimat war praktisch unmöglich, und die Flucht lebensgefährlich. Die Arbeiter lebten in winzigen Sanzalas, oft nur 14 Quadratmeter pro Familie, und standen unter ständiger Bewachung.
Der Skandal erlangte 1909 internationale Bekanntheit, als William Cadbury und andere britische Schokoladenhersteller Kakao aus São Tomé boykottierten. Portugal errichtete daraufhin prächtige Krankenhäuser – vorwiegend für ausländische Besucher – und behauptete, alles sei in bester Ordnung.
Der plötzliche Fall: Unabhängigkeit und Verstaatlichung
Am 12. Juli 1975 erlangte São Tomé und Príncipe seine Unabhängigkeit . Eine der ersten Amtshandlungen der neuen Regierung war die Verstaatlichung von 23 der größten Roças (Gehöfte) am 30. September 1975, die dadurch in staatliche Betriebe umgewandelt wurden. Das Ziel war edel – das Land sollte endlich dem Volk von São Tomé und Príncipe gehören.
Die Folgen waren katastrophal. Die portugiesischen Eigentümer und Managementexperten flohen über Nacht, ebenso wie rund 15.000 kapverdische Fachkräfte. Das hochkomplexe, auf Zwang und kolonialem Know-how basierende System brach zusammen. Die Produktion brach ein.
1974: immer noch 10.400 Tonnen Kakao
1975: nur 12 Tonnen
1988: nur 3 Tonnen
Die Roças verfielen. Ohne Instandhaltung überwucherte der Regenwald innerhalb weniger Monate die Hallen und Villen. Krankenhäuser wie das in Porto Real wurden "vom Wald verschlungen".
Die Gegenwart: Ruinen, Tourismus und ein Funken Hoffnung
Heute leben die Nachkommen der ehemaligen Vertragsarbeiter oft in den alten Verwaltungsgebäuden – unter sehr einfachen Bedingungen. Die einst stolze Architektur zerfällt. Doch es gibt auch Hoffnungsschimmer:
Roça Sundy (wo 1919 Einsteins Relativitätstheorie durch eine Sonnenfinsternis bestätigt wurde) ist heute ein luxuriöses, CO₂-neutrales Hotel mit eigener Schokoladenfabrik.
Roça Belo Monte, Roça São João und andere werden zu Boutique-Hotels umgebaut.
Kleine Bio-Kakaoprojekte (Claudio Corallo, Kaoka, Cecab) produzieren hochpreisigen Gourmet-Kakao – in Agroforstsystemen statt in Monokulturen.
Auf Príncipe wird mit südafrikanischem und internationalem Kapital ein Modell für nachhaltigen Ökotourismus entwickelt, in dessen Zentrum die Roças stehen.